Wie schmeckt ein sau(er)teures Bier?

Heute habe ich mich von meinem Interesse an Bier zu einem Kauf verleiten lassen, der bei manchem Alltagspilstrinker wohl nur Kopfschütteln auslöst. Ich gebe zu, ich bin mir auch nicht ganz sicher wie dekadent es wohl ist, ein Bier zu kaufen, das umgerechnet 50 Euro pro Liter kostet. Das „Spontan Cherry Frederiksdal“ ist ein Bier der Brauerei Mikkeller und circa. 50 mal teurer als eine Flasche „Sternburger“. Was dieses Bier so besonders macht und wie es schmeckt, erfahrt ihr in dieser ersten Bierverkostung auf unserem Blog.

Ab und an versuche ich mich an der halbwegs professionellen Verkostung von Bieren. Ich hoffe dadurch meine Geschmacksnerven zu trainieren und mein selbst gebrautes Bier zu verbessern. Drum treibt es mich gerne am Freitag nach der Arbeit ins „Vinmonopolet“, den staatlichen Laden, in dem in Norwegen Alkohol verkauft wird. Heute war ich wieder da und mein Blick ist auf das „Spontan Cherry Frederiksdal“ von Mikkeller gefallen. Der Preis schreckte mich erst einmal ab – 159 Kronen für 37,5 cl. Verrückt! Selbst in Norwegen ist das ein hoher Preis für ein Bier. Da es sich dabei allerdings um ein Sauerbier (dazu gleich mehr) handelt und ich von der Mikkeller Brauerei schon viel Gutes gehört und getrunken hatte, habe ich mich zu einem Spontankauf hinreißen lassen.

Sauerbier

Sauerbier ist, etwas schöner ausgedrückt, ein spontangäriges Bier. Es umfasst mehrere Biersorten, welche in Deutschland nur wenig bekannt sind. In den letzten Jahren hat sich hier in Bergen allerdings ein kleiner Hype um diese Biersorten entwickelt, von dem ich auch mehr und mehr angesteckt werde. Das Land der Sauerbiere aber ist Belgien, wo sie zu den traditionellen Biersorten gehören, wie bei uns das Pils oder das Weizenbier. Der Unterschied zu anderen Biersorten ist, dass bei spontangärigen Bieren, wie der Name schon vermuten lässt, nicht die „normale“ Bierhefe (Saccharomyces cerevisiae oder carlsbergensis) die Hauptrolle bei der Vergärung des Bieres spielt. Sauerbier-Brauer lassen genau das zu, was „normale“ Brauer auf Teufel komm raus vermeiden wollen. Sie lassen zu, dass ihr Bier mit anderen Mikroorganismen infiziert und es somit sauer wird. Spontangärig wird das Verfahren dadurch, dass offene Gärbottiche zur Anwendung kommen und zufällige Mikroorganismen in der Luft spontan die Gärung starten. So zufällig wie sich das anhört ist es allerdings nicht, da sich in den traditionellen Brauereien oftmals eine bestimmte Zusammensetzung an Mikroorganismen in den Räumlichkeiten und Gerätschaften eingenistet hat und diese dann als erste an Ort und Stelle sind. Als Heimbrauer kann man sich eine solche Zusammenstellung an Mikroorganismen, die häufig auch die klassische Bierhefe enthält, kaufen und somit das Bier kontrolliert infizieren.

Das bekannteste deutsche Sauerbier ist übrigens die Berliner Weiße, wobei es sich hier nicht um ein reines Sauerbier handelt, sondern um einen 50/50-Mix von Sauerbier und „normal“ vergohrenem Bier.

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Das Spontan Cherry Frederiksdal der Mikkeller Brauerei

Spontan Cherry Frederiksdal

Kommen wir zurück zu unserem besonderen Bier. Manch einer wird jetzt sicherlich sagen, dass allein der Fakt, dass es sich um ein Sauerbier handelt, den Preis noch lange nicht rechtfertigt. Ihr habt Recht. Und selbst dass Sauerbiere oftmals mehrere Jahre bis zur vollen Reife benötigen, reicht noch nicht als Rechtfertigung aus. Werfen wir doch mal einen genaueren Blick auf die Beschreibung auf der Brauereiseite. Da steht, dass das Bier neben den üblichen Zutaten Kirschen von der preisgekrönten  Frederiksdal Plantage in Dänemark enthält und in Chardonnay Weinfässern gereift ist. Früchte wie Kirschen und Himbeeren werden gerne Sauerbieren zugegeben, weil sich ihr Geschmack sehr gut mit den sauren Noten des Bieres verträgt. Hier benötigt man oftmals recht große Mengen an Früchten, um ihren Eigengeschmack im späteren Bier noch wiederzufinden. Da es sich bei diesen Kirschen anscheinend um preisgekrönte handelt ist somit ein Plus. Die Reifung des Bieres in alten Weinfässern ist auch etwas Besonderes. Diese Methode der Reifung wird bei bestimmten kräftigeren und komplexen Biersorten angewendet, um ihre Aroma-Bandbreite zu erweitern. Bei den Fässern handelt es sich um alte Wein- und Brandweinfässer, die sowohl den Geschmack des Holzes als auch des Weines an das Bier abgeben. Die Reifung kann mehrere Monate betragen und auch hier sehe ich ganz klar eine Rechtfertigung für den Preis.

Da will ich mich und euch nicht länger auf die Folter spannen und direkt zur Verkostung übergehen. Ich werde dabei die gängigen Bewertungskriterien Aussehen, Geruch, Geschmack und Mundgefühl durchgehen und mit einer Gesamtbewertung abschließen. Meine Bewertungsnoten beruhen dabei auf dem bei ratebeer.com verwendeten Verfahren.

Aussehen – 4 von 5 Punkten

Mit dem Aussehen ist der visuelle Eindruck gemeint, den das Bier nach dem Einschenken im Glas macht. Bevor wir allerdings dazu kommen, soll die Flasche nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich um eine kleine Sektflasche mit echtem Korken und Verdrahtung. Das unterstreicht natürlich die Nähe zum Wein. Da Sauerbiere in der Flasche oftmals eine zweite oder dritte Gärung durchlaufen, ist die zusätzliche Sicherheit durch den verdrahteten Korken durchaus angebracht.

Mit einem leichten „Plopp“ löst sich der Korken und das Bier schäumt spritzig auf, wenn man es ins Glas füllt. Die Farbe haut einen aus den Socken. Es ist ein tiefdunkles Weinrot und selbst der Schaum ist leicht rosa bis lila gefärbt. Von der Farbe her ist das Bier nicht von einem Rotwein zu unterscheiden. Leider verschwindet der Schaum, selbst für ein Sauerbier, sehr schnell. Dafür gibt es von mir einen Punktabzug.

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Tiefrotes Bier mit klarer Kirschnote

 

Geruch – 10 von 10 Punkten

Wenn das Aussehen schon beeindruckt hat, so tut es der Geruch noch mehr. In die Nase strömt eine starke Kirsch- und Weinnote, wobei allerdings auch ganz klar die saure Note des Sauerbiers durchkommt. Hinzu kommen eine süßliche Schwere und ein herb würziges Aroma, fast wie Glühwein. Der Geruch ist vielschichtig und sehr interessant. Dafür gibt es von mir die volle Punktzahl.

Geschmack – 8 von 10

Leider bleibt der Geschmack etwas hinter den Erwartungen zurück, die durch das vielschichtige Aroma entstanden sind. Wunderbar ist der Kontrast, denn beim Geschmack erkennt man sofort, dass es sich nicht um Wein, sondern um Sauerbier handelt. Es herrscht weiterhin die Kirsche vor, wobei fast keine Süße vorhanden ist. Es ist ein kräftig saurer Geschmack, der allerdings nicht die gleiche Tiefe hat wie der Geruch. Die Fasslagerung lässt sich anhand einer herben, gerbsäureartigen Note erahnen. Hier gibt es 8 von 10 Punkten von mir.

Mundgefühl – 4 von 5

Während das Aussehen auf sehr spritzige Kohlensäure hindeutete, fühlt sich das Bier im Mund sehr schaumig an. Die Kohlensäure ist sehr gut gebunden, was auf eine lange Lagerung schließen lässt. Ansonsten bleibt ein herb gerbiger Nachgeschmack, der vielleicht etwas zu herb ist – 4 von 5 Punkten dafür.

Gesamtbewertung – 17 von 20

Dies ist wirklich ein besonderes Bier. Ein Sauerbier mit edlen Kirschen und Fasslagerung in Weinfässern. Ein Bier, das sich ganz klar im Grenzland zum Wein befindet und vielleicht sogar das Beste aus beiden Welten beinhaltet – vom Geruch und Aussehen her eher ein Wein, im Geschmack und im Mundgefühl ein Sauerbier. Obwohl es das wohl beste Sauerbier ist, das ich bisher getrunken habe, gibt es doch nicht die volle Punktzahl von mir. Der Geschmack bleibt etwas hinter dem Geruchserlebnis zurück und auch den Schaum hätte ich gerne etwas länger bewundert. Und auch wenn das Bier mit edlen Zutaten daherkommt, wiegt der Preis trotzdem schwer. Ist es seinen Preis wert? Meine Antwort: nicht ganz. Allerdings ist es auch nicht so, dass ich mich im Nachhinein darüber ärgere, 18,- Euro für eine kleine Flasche ausgegeben zu haben. Denn sonst würde ich hier nun sicherlich sitzen und mich fragen, wie wohl ein solch sau(er)teures Bier schmeckt.

Skål!

 

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