Warum wir nicht aufhören sollten laufen zu lernen

Der Einzug unseres kleinen, neuen Hinterwäldlers hat uns allerlei Lachen, Staunen, Spielen und Schlafmangel beschert. Und er bringt mich zum Nachdenken, zum Beispiel über das Lernen. Wann habt ihr mal ein Kind gesehen, das sich dachte: „Laufen lernen? Mir zu blöd, das können andere doch eh besser“?  Eben. Jahrelang versuchen die „Kleinen“, ihrem Willen die entsprechende Motorik zu verschaffen. Die Welt zu entdecken und sie auszuprobieren! Ich frage mich, warum einige von uns „Großen“ ihren Appetit auf Neues verloren haben? Und warum?

Neulich saß ich mit Daniel im Café und habe das Thema angesprochen. Uns sind spontan etliche Motivationsbremsen und erlernte Denkweisen eingefallen, die uns Erwachsenen den Lern-Spaß rauben können, bevor er richtig angefangen hat…

Lust auf Neues – oder Angst davor?

Kinder sind offen für Neues. Sie haben keine Angst davor, auch wenn sie (manchmal wortwörtlich) übel auf die Nase fliegen können. Vor ein paar Monaten habe ich meinem Neffen ein Skateboard zur Einschulung geschenkt. Keine drei Minuten später stand er dick eingepolstert drauf, hat sich auf seine ersten Stunts vorbereitet und von anderen Kindern zeigen lassen, wie man vorankommt. Klar ist er auch mal runtergeflogen. Na und? Völlig egal, dass das Lernen ein Weilchen dauert. Der Spaß ist Weg, Zweck und Ziel auf einmal.

Was sind Misserfolge?

„Miss-Erfolge“, das Wort spricht Bände. Was soll das überhaupt sein? Nur wer etwas Neues versucht, kommt weiter, auch wenn es nicht immer im gleichen Tempo voran geht. Die Messlatte für den sogenannten „Erfolg“ wird von den Erwachsenen verdammt hoch gehangen und hat in der Regel etwas mit Leistung und Konkurrenz, nicht aber mit Freude im Hier und Jetzt zu tun. Sonst würde man sich selbst wohl kaum mit der Idee des Miss-Erfolgs geißeln wollen.

Selbstvertrauen

Wie oft habe ich von Erwachsenen schon den Satz gehört: „So etwas kann ich nicht“. Was automatisch so viel bedeutet wie: Ich will es gar nicht erst probieren. Da lobe ich mir doch die enthusiastischen Allmacht-Phantasien der Kleinen, die keinen Zweifel daran haben, bald Weltmeisterschaften gewonnen, tausende von Leben und die Welt gerettet zu haben. Denn ohne diese Phantasie würden wir als Kinder nicht halb so viel probieren, oder? Am Anfang führen die Eltern noch einen Freudentanz auf, wenn sich die Kinder zum ersten Mal auf den Bauch drehen oder mit dem Löffel essen. Irgendwann scheint diese Art der positiven Verstärkung aufzuhören. Am Ende sieht man vielleicht sogar, wie das kindliche Selbstvertrauen von der Umwelt bemeißelt wird: „Nettes Bild – was soll das denn darstellen?“ „Aber ein Haus sieht doch ganz anders aus?“ In der Schule geht’s dann richtig los. Statt Fähigkeiten und Talente auszubauen, werden Schwächen ausgeleuchtet und angeprangert. Man soll in allem gut sein. Glücklich ist, dessen Selbstvertrauen das unverbeult übersteht.

Selbst entdecken statt passiv erfahren

Ich frage mich, warum wir Erwachsenen uns so oft damit zufrieden geben, die Welt passiv zu erleben. Wenn uns etwas interessiert, dann schauen wir in Bücher, ins Internet oder Fernsehen. Warum nicht aktiv sein und (sich) selbst entdecken? Kinder wollen anfassen, ausprobieren. Schon Babys wollen alles in den Mund stecken. Oh, was sind uns die Babys voraus! Denn sind wir ehrlich: oft reicht es uns, in Vitrinen zu starren und darauf zu achten, keine Fingerabdrücke auf den Scheiben zu hinterlassen.

Schuhe
Schritt für Schritt

Urteile anderer

Würdet ihr auch mal wieder gern rutschen, auf einer Hüpfburg herum springen, wippen oder in ein buntes Ball-Bad tauchen? Ich meine nüchtern, am helllichten Tage und nicht im Schatten der biergetränkten Dunkelheit. Mehrere meiner Freundinnen und Bekannten haben strahlend davon erzählt, wie sehr sie genießen, durch ihre Kinder wieder selbst in der Öffentlichkeit spielen (und damit auch lernen) zu können. Endlich wieder ungeniert balancieren! Mit Kindern als Alibi scheinen wir uns irgendwie weniger lächerlich dabei vorzukommen, etwas „Unerwachsenes“ zu tun.

Wofür soll das später gut sein?!

Da ist es wieder, das ewig schlechte Gewissen, etwas Unnützes oder Unproduktives zu tun. Aus irgendeinem Grund wurden einige von uns darauf geeicht, in allem einen anderen Nutzen finden zu wollen als eben jener Freude, die das Lernen von etwas Neuem auslöst. Natürlich „nützt“ es in unserer Gesellschaft nicht viel, das Teppichknüpfen zu lernen. Man braucht nicht viele Teppiche, sitzt scheinbar „stundenlang herum“ und leben kann davon sowieso keiner. Aber es macht eben Freude, und zwar im Hier und Jetzt.

Vorurteile

Kaum jemand ist wirklich von Vorurteilen frei, und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass auch sie ein natürliches Interesse am Lernen behindern können. Als Frau scheue ich mich vielleicht vor Schweißer- und Baumfällarbeiten, denn ich müsste in eine typische Männerdomäne eindringen. Oder ich wäre ja mal neugierig auf’s Golfen, aber das machen ja nur Snobs. Yoga als Mann? Wie peinlich… na, und so weiter.

Enthusiasmus und Trägheit

Kinder sind so herrlich ungeduldig. Wenn etwas passieren soll, dann SOFORT. Was durchaus den Vorteil hat, dass es dann tatsächlich häufiger auch passiert :) Ich bin auch gerade wieder in die Trägheitsfalle getappt. Ich möchte seit einer ganzen Weile schon Hundeschlitten fahren. Einfach nur so, um es auszuprobieren und mit einer dicken Fellmütze und Wollunterwäsche durch die verlassene Wildnis zu huckeln und nasses Hundefell zu riechen. Aber solche Dinge lassen sich einfach zu schön aufschieben, was dann zu Sätzen führt wie: „Ich wollte ja eigentlich immer mal…“ Da hilft wohl nur, die Trägheit und den vermeintlichen Zeitmangel zu überwinden, und zwar so bald wie möglich. Jawohl, im kommenden November ist es soweit. Ich fahre Hundeschlitten. Basta!

„It is true that many of us are too ’superior‘ for these simple pleasures.

We have all experienced them in boyhood, but have thought them, for some reason, unworthy of a grown man.This is a complete mistake […] Fundamental happiness depends more than anything else

upon what may be called a friendly interest in persons and things.“ (Bertrand Russel in „The conquest of happiness“, 2008, Seite 107)

Die Liste ließe sich sicher noch erweitern. Natürlich gibt es genug Erwachsene, die ihre Neugier nie verloren haben und große Freude dabei empfinden, sich weiter zu entwickeln. Es gibt Spielplätze für Erwachsene, Volkshochschulkurse, offene Werkstätten und Hobbytreffs. Das ist doch großartig! Bei anderen scheint das anders auszusehen, sie sind irgendwie fertig mit den Dingen. Mich würde derweil interessieren, wann und warum das passiert. Mit der elterlichen Erziehung? In der Schule, wenn lustbetontes Lernen durch leistungsorientiertes Pauken ersetzt wird? Wenn Kinder oder Jugendliche beginnen, sich einfügen und nicht mehr auffallen zu wollen? Wenn sie beginnen, die Dinge nur noch für ein abstraktes „Später“ zu tun?

Ich hoffe ja, dass mir die Lust am Lernen auch im Alter nicht vergeht. Und als frisch gebackene Mama kann ich mir ja zumindest ganz fest vornehmen, das Feuerchen der angstfreien Neugier auch beim kleinen Hinterwäldler immer weiter anzufachen.

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