Buchempfehlung: Spinning and dyeing yarn (Ashley Martineau)

Ein Augenschmaus von einem Buch: Ashley Martineaus „Spinning & dyeing yarn. The home spinner’s guide to creating traditional & art yarns“ ist ein reich bebilderter Schmöker. So einer, den man aufgeklappt neben dem Sofa liegen lässt, um immer mal wieder von Foto zu Foto zu blättern. Es ist kein Lehrbuch für Anfänger, die damit das Handspinnen erlernen möchten. Dafür ist es bei weitem zu oberflächlich. Es bietet aber jede Menge farbenfrohe Inspiration zum Austoben, Experimentieren und Ausprobieren von neuen Spinn-Techniken. Es macht erfahreneren Handspinnern Lust, über (eingebildete) Grenzen hinweg zu spielen.

Büchern erliege ich häufig wegen des Covers. Bei diesem Buch ist das sogar mal gerechtfertigt, denn das Titelbild gibt einen Vorgeschmack auf jede Menge gut in Szene gesetzte Woll-Kunstwerke. Fotografien, die man sich am liebsten einrahmen und an die Wand hängen würde. Und Garn zum Reinbeißen.

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Cover

Wie jedes vernünftige Sachbuch ist auch dieses in mehrere größere Teile eingeteilt:

  1. Grundlegendes zu verschiedenen Spinnmaterialien (tierisch, pflanzlich, synthetisch), deren Eigenschaften (Stapellänge, Weichheit, relative Kosten) und Vorbereitung (waschen, kardieren, kämmen, auflockern, mischen…)
  2. Färbetechniken (Säurefärbung, Solarfärbung, Handmalen & Co)
  3. Spinntechniken mit Spindel, Kick-Spindel und Spinnrad
  4. „Going professional“: Grundlegene Tipps, wie man an seinem Hobby verdienen kann.

 

Da ich das Buch blind im Internet bestellt habe, war ich anfangs etwas enttäuscht. Es geht kaum über die oberflächlichen Grundlagen des Spinnens hinaus. Da hatte ich doch mehr Hintergrundwissen, eventuell historische Fakten, Anleitungen, vor allem aber Übungen erwartet. Letztere sucht man hier vergeblich. Und auch die enthaltenen Anleitungen gehen selten über ein paar Stichpunkte hinaus. Wer dann im Detail wissen will, wie eine bestimmte Spinntechnik funktioniert, was ihre Vor- und Nachteile sind, wo das Equipment besorgt werden kann und welche Spielarten dieser Technik möglich sind, der muss sich selbstständig über andere Medien schlau machen. Oder, und genau das ist die Intention von Ashley Martineau: der muss sich direkt ins experimentelle Kunsthandwerk stürzen und selbst sehen, was möglich ist.

In ihren Erläuterungen stützt sich Ashley Martineau also auf Bilder, die meist mit nur wenig Text versehen sind. Hier ein Beispiel von Seite 138/139: Die Technik des „Fancy Corespinning“ wird zu zwei Dritteln durch Bilder vermittelt. Aber… sieht es nicht wunder, wunderschön aus? :)

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Seite 138/139

Eine große Stärke der Autorin ist für mich, dass sie sich hauptsächlich Kunstgarnen verschrieben hat. Ich kann jedem, der von traditionellen, gleichmäßig dünnen Garnen eine Pause braucht und nach etwas wilder Kreativität lechzt, das Buch wirklich nur empfehlen. Es macht Lust auf mehr und zeigt auf, was möglich ist.

Neben der generellen Ästhetik bin ich davon beeindruckt, wie spielerisch das Handwerk (die Kunst) des Spinnens gesehen wird. Wo anderswo der erhobene Zeigefinger droht, weil ein Garn zu viel Drall hat, verweist Martineau auf „die Lebendigkeit“ eines solchen Garns (siehe Bild), das man eventuell genau so weiterverarbeiten möchte. Jeder Kringel, Knubbel und jedes Knötchen wird zunächst einmal als potentielles Schönheitsdetail verstanden. Und das liest sich verdammt erfrischend.

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Seite 168/169

Auch die Ausrüstung zum Spinnen wird spielerisch erklärt. Statt jahrelang auf den großen Lottogewinn warten zu müssen, wird im Buch gezeigt, wie man einfach und für kleines Geld ein Trockengestell, einen Kamm, eine Fall-Spindel, eine Kick-Spindel, selbst ein Spinnrad bauen kann. Das ist doch mal genial. Ich habe das noch nicht probiert, könnte mir aber gut vorstellen, mir mal eine Kick-Spindel zu basteln. Die Scheu wurde mir jedenfalls genommen, und ein „falsches“ Garn gibt es laut diesem Buch sowieso kaum. Es kommt auf den Betrachter an.

 

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