Slow TV. So viel mehr als Langeweile

„[…] something might happen. But it probably won’t.“

(Thomas Hellum, TED talk, 12:25)

7 Stunden Bahnfahrt von Bergen nach Oslo. 12 Stunden Holz- und Feuernacht. 13 Stunden Spinnen und Stricken eines Pullovers. 134 Stunden auf dem Schiff „Hurtigruten“ von Bergen nach Kirkenes. Live im Fernsehen, in Echtzeit! Und nun will NRK, der öffentlich-rechtliche Hauptsender in Norwegen, Rentiere eine Woche lang bei ihrer Wanderung filmen. Wer ist so verrückt, sich etwas im Fernsehen anzusehen, was der Produzent selbst als „the world’s most boring television“ bezeichnet? Halb Norwegen hat eingeschaltet, und ich war darunter.

Slow TV ist Fernsehen zum Runterkommen. Es setzt sich von anderen Sendungen ab, indem es bewusst auf künstliche Handlungen, Highlights, Drama und Überraschungen verzichtet. Es zeigt in Plätschermanier das Schöne und Schöpferische im Leben, Natur und Handwerk, und wenn man Glück hat werden noch ein paar interessante Hintergrund-Informationen vermittelt. Gelassenheit in Bildern, es ist einfach nur großartig!

Schon bei meiner ersten Sendung, dem nationalen Strick-Abend eines Pullovers, bin ich die vollen 13 Stunden hängen geblieben (nicht am Stück, sondern dank Internet auf mehrere Abende verteilt). Ein Rekordversuch, der am Ende nicht mal geglückt ist, wohlgemerkt :) Wahrscheinlich waren die Teilnehmer selbst zu entspannt. Ich meine hey, sogar die haben gegähnt! Aber ich weiß noch wie begeistert ich davon war, dass so lässig vermittelt wurde, wie viel Arbeit in einem solchen Kleidungsstück steckt. Und ich war hin und weg, diese ganzen Live-Kommentare zu lesen, in denen Leute in Norwegen und der ganzen Welt ihre Stricksachen rausgeholt haben, um zu Hause als Teil einer digitalen Gemeinschaft mitzustricken. Die Moderatorin wusste, dass die Sendung internationale Aufmerksamkeit bekommen würde, und hat deswegen immer mal ein wenig mittelmäßiges Englisch eingestreut – keine falsche Aufregung. Ich saß parallel an meinem Spinnrad und habe mitgemacht. Man kann nur ahnen, wie viele Leute während der 12-stündigen Holz- und Feuernacht ihr Schnitzzeug rausgeholt und den Kamin angeschmissen haben.

Wolle, Holzscheite, Rentiere, wilde Natur und Schifffahrt – all das sind in gewisser Weise urnorwegische und bis heute zentrale Themen, die vielleicht deswegen den Geschmack der Bevölkerung treffen. Nun bin ich keine Norwegerin, aber wenn es nach mir ginge, dann gäbe es viel mehr solcher Fernseh-Ereignisse. Dann wäre die nächste Sendung eine Echtzeit-Aufnahme davon, wie ein paar Leute auf traditionelle Weise ein Ruderboot bauen. Oder eine Holzhütte. Oder hey, wie wäre es mit einem Brau-Abend? Bis es soweit ist, freue ich mich erst mal auf die Rentierwanderung. Die Naturaufnahmen werden bestimmt wieder überwältigend sein.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.