Selbstversorgung: reine Nostalgie? (Teil 2)

Zeit, mich zu outen: auch ich lese eine der im folgenden belächelten Zeitschriften über ein nicht-existentes, ultra-idyllisches Landleben. Gleichzeitig ist es schwer sich das breite Grinsen zu verkneifen, wenn ich die Artikel von Kathrin Hartmann und Bettina Hammer lese. Beide nehmen den Trend zum Landleben genauer unter die Lupe und zermetzeln dabei die „rosafarbenen Spinnweben“ (Zitat Bettina Hammer) der Shabby-Nostalgiker. Sehr zu empfehlen!

Im ersten Artikel „Selbstversorgung: reine Nostalgie?“ habe ich mir das meiste von der Seele geschrieben, was so darauf rum lag. Es gibt aber noch vier Zeitungsartikel, die so wunderbar treffend sind, dass ich sie hier separat empfehlen möchte. Sie haben mit dem reellen Landleben sicherlich mehr zu tun als manch bebilderte Land-Harmonie-Zeitschrift, und es ist direkt köstlich, sie zu lesen (hierfür auf den Titel klicken):

 

Kathrin Hartmann: Cocooning mit Misthaufen.

Kathrin Hartmann beschäftigt sich in der Rubrik „Literatur“ der Frankfurter Rundschau mit den derzeitigen Landflair-Vermarktungs-Blättchen und legt ihren Finger in die Wunde vieler sehnsüchtiger Städter: „Doch die neue Landsehnsucht hat keine pragmatischen Gründe, es geht um Ganze: das Glück. Nach Wellness-Trend, Slow-Food und Nachhaltigkeit als Lifestyle ist der sinnsuchende Mensch nun auf dem Land angekommen, dem scheinbar letzten Hort der Authentizität.“ Wo der Lebenssinn oft verloren geht, waltet Konsumkritik, während es etwas anderes ist, das wir konsumieren: Atmosphäre, Flair und ein vermeintliches Wiederbeleben von traditionellen Werten.

 

Bettina Hammer: Erträumte Idyllen.

Das Schöne an Bettina Hammers Artikeln ist, dass sei weiß, wovon sie spricht. Sie versucht nämlich, einen kleinen Bauernhof zu bewirtschaften und dreht fröhlich alle Stolpersteine um, die sich ihr in den Weg legen. Sie hat bisher drei Teile einer Serie auf heise.de veröffentlicht, die sich jeweils unterschiedlichen Sehnsüchten und Irrtümern widmen. Teil 1 räumt erst einmal gründlich mit dem Bild der naturbelassenen Idylle auf dem Land auf: „Die gemütlichen Abende am Kamin, das Glas selbstgemachter Holunderbeersaft in der Hand, eignen sich zwar als Coverfoto, sind oft jedoch eine Seltenheit. Denn entweder wird der Bauernhof auch als profitorientierter Betrieb genutzt – dann sind natürlich noch viele weitere Tätigkeiten zu verrichten. Oder aber es gilt, neben dem Bauernhofleben durch die schnöde Erwerbstätigkeit dafür zu sorgen, dass die Kosten für das romantische Leben gesichert sind, so dass die Stunden voller Müßiggang ebenfalls selten sind.“

 

Peter Scherer: Bauernküche. Aus: Gute alte Zeit? Fotografien von Peter Scherer, Stuttgart und Aalen 1974

 

Bettina Hammer: Die Schweine des kleinen Mannes.

Eigentlich sagen die ersten sechs Worte in diesem Artikel schon alles: „Zu laut, zu früh, zu viel„. Zur Tierhaltung und den faszinierenden In- und Outputs von fünf „ganz normalen“ Enten.

 

Bettina Hammer: Futtern wie bei Muttern.

Unsere Vorstellung von dem, wie es früher in Mutterns Küche zuging, ist vielleicht ein klein wenig durch einschlägige Magazine verklärt worden. Zum Glück gibt es Bettina Hammer, die da einiges wieder zurecht rückt, bis es kracht: „Doch abgesehen von der Arbeit, die notwendig ist, um an einen nennenswerten Ertrag von Gemüse und Obst zu kommen […], bleibt gerne außen vor, dass die gute alte Küche den heutigen Ansprüchen an gesundes Essen nur selten genügen würde. […] Schwere körperliche Arbeit erforderte kalorienhaltigeres Essen – und bei den Zutaten wurde nicht nur nach Jahreszeit und Verfügbarkeit ausgewählt, sondern letztendlich auch verwertet, was nur irgendwie verwertet werden konnte. Von einem Hausschwein blieb durch Sülze, Blutwurst und Grammeln kaum etwas über, was nicht Eingang in die Vorratskammer fand.“

 

Ich hoffe, ihr habt beim Schmökern auch so viel Spaß wie ich :)

 

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