Selbstversorgung: reine Nostalgie? (Teil 1)

Der Traum von der Selbstversorgung ist innerer Antrieb, Lebenseinstellung, Systemkritik, Trend und nicht zuletzt ein lukratives Vermarktungsprodukt. Diverse Bücher, Zeitschriften, Internetseiten, Kursanbieter & Co widmen sich diesem Thema. Zum Beispiel wurden wir kürzlich auf ein Interview der Gartenhaus GmbH mit Hannelore Zech hingewiesen, einer „Selbstversorgerin“, die in ihren Kursen interessierten Menschen die Kniffe und Tricks der Selbstversorgung zeigen möchte. Aber ist das wirklich so einfach mit der Selbstversorgung? Was ist das überhaupt? Ist Selbstversorgung heutzutage noch möglich? Oder ist sie reine Nostalgie?

„Das Leben in der Großstadt, Großstadt, was macht es aus, was sind die Phänomene?

Extrem viel Auswahl und Rückenprobleme, extrem viel Auswahl und Rückenprobleme und

Anonymität, Anonymität“

(Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: „Aufs Land“)

 

Was ist Selbstversorgung?

Selbstversorgung bedeutet, dass Produzenten und Konsumenten die selben Personen sind: man versorgt sich selbst mit dem, was man (ver)braucht. Das geht in verschiedenen Abstufungen. Es gibt die teilweise Selbstversorgung (z.B. ausschließlich mit Nahrungsmitteln). Und es gibt die Subsistenzwirtschaft, in der mehrere Selbstversorger zusammen arbeiten um sich die Arbeit zu teilen, Güter zu tauschen oder sich die Arbeit anderweitig zu erleichtern und zu koordinieren. Selbstversorgung ist eine Lebensweise, die möglichst unabhängig von anderen Akteuren und Anbietern funktionieren soll.

Klingt ein bisschen trocken. John Seymour legt da schon ein bisschen mehr Wallung in seine Definition: „[Selbstversorgung] ist der Vorstoß zu einer neuen und besseren Lebensweise, einem Leben mit mehr Freude als dem überspezialisierten Kreislauf des Büros oder der Fabrik, ein Leben, das Herausforderung, tägliche Initiative, Abwechslung, gelegentlich großen Erfolg, aber auch bodenlosen Misserfolg bei der Arbeit bringt […] Selbstversorgung ist kein Rückschritt zu niedrigerem Lebensstandard. Im Gegenteil, es ist ein Wetteifern um höheren Lebensstandard, nach guter, frischer, biologisch gewachsener Nahrung, nach gutem Leben in angenehmer Umgebung, einem gesunden Körper und Seelenruhe.“ (John Seymour in „Das neue Buch vom Leben auf dem Lande“, Seite 16). Auch andere Autoren und Vermarkter von Selbstversorgung springen auf diesen verlockenden Zufriedenheits-Zug auf, zum Beispiel Tom Hodgkinson, Dick & James Strawbridge, Thomas Hohensee oder A.&G. Bridgewater.

„Ich hab Sehnsucht nach Fell

Hundegebell

Meine Katze legt mir

Mäuse vor die Tür

Maulwurfshügel

Igel

Kickeriki – der Hahn ist die Uhr

Ich will zurück zur Natur“

(Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: „Aufs Land“)

Was sind die Voraussetzungen für Selbstversorgung?

Nachdem mich das Thema nun schon einige Jahre lang fasziniert und ich Bücher, Videos, Zeitschriften und Websites zum Thema gesehen habe, fallen mir auf Anhieb einige Voraussetzungen ein, die es für Selbstversorgung braucht. Und die sind nicht ohne. Sie sind einer der Hauptgründe, warum wir immer noch in Norwegen sitzen und die Regenschirme aufspannen:

  • Platz: es braucht ein beachtliches Stückchen Land sowie ggf. Stallungen und Räumlichkeiten zum Lagern und zur Verarbeitung von Gütern, zB. Keller, Werkstatt / Käsekeller / Brauerei / Schlachtplatz…. die Liste kann, je nach Vorhaben, lang sein.
  • Wissen: nicht jeder Städter kann „mal eben“ mit der Selbstversorgung beginnen und auf Anhieb große Erfolge erwarten. Nicht nur der Anbau von Lebensmitteln erfordert viel Wissen und Erfahrung, auch das Halten und Pflegen von Tieren macht sich nicht nebenbei. Die Lagerung, Verarbeitung und der Verkauf von Gütern will erlernt sein. Und soll das alles im deutschsprachigen Raum stattfinden, ist das ein oder andere Gesetz zu beachten.
  • Zeit: Das alles braucht Zeit. Zeit, die nicht für den Partner, die Kinder, andere Hobbies, einen weiteren Beruf, einen langen Urlaub, zum Seele-baumeln-lassen genutzt werden kann.
  • Geld: Selbstversorgung innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen Systems erfordert eine Sozialversicherung, eventuell Kindergarten- und Schulgebühren (inklusive Schulmaterialien, Klassenfahrten, Ferien und Co), Abwassergebühren, Telefon-/Internetgebühren uvm. Falls das genutzte Grundstück gepachtet oder gekauft werden soll, braucht es Geld. Gleiches gilt für das Nutzen von Dienstleistungen oder von benötigten Gerätschaften – ob kaputter Ofen oder die fachgerechte Entsorgung der Asbest-Dachplatten. Ein gewisses Einkommen kann also nicht schaden, wenn man nicht komplett aussteigen möchte.

 

Sie sehen ja idyllisch aus, aber…

Was spielt sonst noch eine Rolle?

Außerdem fallen mir Faktoren ein, die die Selbstversorgung beeinflussen oder schwierig gestalten können. Hier eine sicher nicht komplette Liste:

  • Klimatische Bedingungen und Bodenqualität spielen eine wesentliche Rolle. Man sollte sie kennen und wissen, welche Pflanzen und Tiere sich in bestimmten Graden wohlfühlen.
  • Medizinische Versorgung: Möchten wir im Falle einer ernsthaften Krankheit wirklich ausschließlich auf Heilkräuter und Wasserbehandlungen setzen? Für alle, die regelmäßig Medikamente benötigen, aber kein Chemie- und Medizinstudium absolviert haben, gestaltet sich eine vollkommene Selbstversorgung schwierig.
  • Der Besitz von, oder Zugang zu, Naturressourcen wie Wasser oder Holz ist nur vorteilhaft.
  • Wir sind heutzutage an Dienstleistungen und importierte Waren gewöhnt. Das kann noch weniger wegdiskutiert werden, wenn wir Kinder haben. Es ist nicht leicht ihnen zu erklären, dass wir weder das Internet noch Pfeffer, Zimt, Schokolade, Cola, Handys, Computer, Fernseher, gekaufte Skateboards oder Gummitiere nutzen können. Natürlich ging es früher ohne. Aber die Zeiten haben sich geändert, andere Dinge werden als selbstverständlich erachtet.
  • Abhängigkeiten und unterschiedliche Bedürfnisse: Was passiert, wenn die Familie im Sommer in den Urlaub fahren möchte – in der Zeit, in der die meiste Arbeit im Garten und auf dem Feld ansteht? Wer versorgt die Tiere?
  • Sozialer Kontakt und ein stützendes Umfeld: im Falle von Tierhaltung wäre es vielleicht besser, keine oder solche Nachbarn zu haben, die mit dem Weckruf des Hahnes, dem Quaken der Enten und dem Gestank des Bockes klarkommen. Sonst ist es vielleicht schnell vorbei mit Seymours beschworener Seelenruhe? Wer aus der Stadt und seinem sozialen Umfeld wegzieht, sollte vielleicht auch nicht jede Woche mit begeistertem Besuch warten?
  • Die Gesetzeslage kann durchaus den ein oder anderen Strich durch die Selbstversorger-Rechnung machen. Vor allem, wenn es um die Verarbeitung und den Verkauf von Tierprodukten geht.

Doch die Tomaten im Garten sehn verkümmert aus, total verkümmert aus

Blattlaus! Blattlaus!“

(Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: „Aufs Land“)

Ist Selbstversorgung nun in der heutigen Zeit möglich?

Diese Frage scheint schwierig zu beantworten. Auf der einen Seite liest und hört man Ermutigungen und schillernde Beschreibungen des Weges „Zurück zur Natur“: Selbstversorger-Workshops vermitteln das Gefühl, das nötige Wissen in kurzer Zeit vermitteln zu können. Auch der große John Seymour verspricht: „Wenn du ungefähr fünf Morgen [10.000 – 25.000 m²] mittleres bis gutes Land in einem gemäßigten Klima hast und dazu auch noch das notwendige Wissen, könntest du alles anbauen, was an Nahrungsmitteln notwendig wäre für eine große Familie, mit Ausnahme von Tee und Kaffee […]. Du könntest Weizen für Brot, Gerste für Bier, jede Art von Gemüse, jede Art Fleisch, Eier und Honig selbst gewinnen.“ (Seite 35).

In dieser Kalkulation werden außer der Grundstücksgröße und Wissen keine anderen Einflüsse wie Zeit, andere Bedürfnisse und andere herzustellende Güter (z.B. Kleidung, Kosmetik…) berücksichtigt. Und tatsächlich, Tom Hodgkinson schreibt in „Schöne alte Welt“ mit einem Zwinkern: „Aber wo wir gerade beim Thema Seymour sind: Ich habe aus mehr als einer verlässlichen Quelle gehört, dass Seymour als Kleinbauer nicht ganz so erfolgreich war, wie er selbst den Anschein zu erwecken suchte. Seine Fähigkeit lag, wie bei Tusser, vielleicht mehr in der Kommunikation über die Landwirtschaft als darin, seine Empfehlungen auch tatsächlich selbst umzusetzen. Zudem schickte er viele idealistische junge Familien in die Wildnis hinaus, wo sie dem albernen und nicht realisierbaren Traum der „Selbstversorgung“ hinterherjagten. Viele kehrten drei Jahre später reumütig und hungrig in die Städte zurück.“ (Seite 338).

Ist doch mal ganz interessant zu wissen, nicht? ;)

… in ihnen stecken Erfahrung, Zeit und andere Ressourcen…

Ralf R. vom Blog „Neulich im Garten“ und Youtube-Kanal „Der Selbstversorgerkanal“ hat’s ausprobiert und eine andere, sehr klare Meinung. Nein, kompromisslose Selbstversorgung ist trotz großem Eifer unter heutigen Bedingungen nicht möglich. Er hat Kinder, die an die modernen Ansprüche gewöhnt sind und ihre Sommerferien eben nicht damit verbringen möchten, stundenlang Bohnen einzukochen. Zum Thema Selbstversorgung hat er einen großartigen Artikel geschrieben, in dem er klarstellt: „Mal ganz abgesehen davon, dass eine Selbstversorgung in dieser idealisierten Form, wie sie sich vielleicht einige vorstellen, ueberhaupt nicht wuenschenswert und schon gar nicht erstrebenswert ist, ist sie auch in der heutigen Zeit nicht umzusetzen. […] In dem Moment, in dem Kinder ins Spiel kommen, ist eine Selbstversorgung, wie sie sich einige ausmalen, kein Thema mehr. […] ich melde massive Zweifel daran an, dass es in unserem Lande auch nur einen einzigen gibt, der mit Fug und Recht behaupten kann, Selbstversorger aus dem Garten zu sein. Sollten Sie da anderer Ansicht sein, machen Sie sich bitte die Muehe und rechnen mir das mal vor.“

Aber Ralf versucht es trotzdem mit einem sehr interessanten Ansatz, nämlich der theoretischen Selbstversorgung mit den benötigten täglichen Kalorien aus dem Garten. Er versucht, rund 2000 bis 2500 Kalorien pro Person und Tag zu produzieren, sodass es hypothetisch möglich wäre, in der Not damit zu überleben. Pragmatischer, sicher aber realistischer.

 

Und die Moral von der Geschicht…?

So verlockend die schöne alte Welt auch aussehen mag, ich habe meine Zweifel, dass sie so heute noch funktioniert. Das heißt nicht, dass ich nicht weiterhin einen Hof und einen Garten bewirtschaften möchte. Es heißt aber auch nicht, dass ich die stylischen Hochglanzzeitschriften mit ihren Versprechungen für bare Münze nehme. So viel Verstand sollte sein. Vielleicht kommt man seinem Traum ein Stückchen näher, wenn man eng mit anderen „Teil-Selbstversorgern“ zusammen arbeitet, sodass man einige Dinge tauschen, Ernteausfälle gegenseitig abdämpfen, Wissen und Gerätschaften austauschen kann. So könnte vielleicht auch das Überleben von Tieren und Pflanzen in kurzen Urlaubszeiten gesichert werden. Möchte man allerdings nebenbei einer(m) anderen Beruf(ung) nachgehen, könnte es schon eng werden mit der Zeit (und genau das habe ich vor). Es ist zu leicht, vor lauter Eifer seine anderen Bedürfnisse und Interessen zu vergessen.

Ist Selbstversorgung reine Tagträumerei? Glaube ich auch wieder nicht. Und was wäre überhaupt die Alternative? Man könnte den städtischen Büroalltag schließlich genauso schwarz sehen. Nur kommen dort die Rückenschmerzen eben von anderen Dingen :) Was Ralf R. angeht: der Mann widmet sich dem Thema mit so viel Herzblut, dass ich seine Schilderung deutlich glaubhafter und erfrischender finde als die vielen Versprechungen der Selbstversorgungs-Vermarkter. Die Gedanken und Überzeugungen, die dem Selbstversorgungswunsch zu Grunde liegen, sind weiterhin wichtig. Aber es ist vielleicht doch zu einfach, der Nostalgie zu verfallen und anzunehmen, dass wir (und vor allem unsere Kinder) mit den gleichen Lebensumständen zufrieden wären wie es vor 150 Jahren üblich war.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.