Schlachttag. Oder: gibt es respektvolles Töten?

Ich habe schon immer viel darüber nachgedacht ob es okay ist, Tiere zu essen. Eine längere Zeit habe ich es gelassen, weil ich den Gedanken arrogant fand, ein Leben nur für ein nettes Geschmackserlebnis zu beenden. Schließlich gibt es heute genug Möglichkeiten, sich seine benötigten Nährstoffe unblutig zu beschaffen.

Dann habe ich lange Zeit nur Tiere und deren „Produkte“ gegessen, von denen ich überzeugt war, sie auch schlachten oder selbst herstellen zu können. Zu solchen Tieren habe ich vor allem Fische und Geflügel gezählt, manchmal auch Kaninchen. An Schweine, Schafe oder Kühe hätte ich mich nicht heran getraut, also sind sie auch nicht auf meinem Teller gelandet. Der Gedanke war, zumindest nicht die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass hier jemand stellvertretend für mich das Leben dieses Tieres beendet hat.

Lisa war ein Huhn der Rasse „Australorp“.

Häufig, so ehrlich muss ich sein, war dabei nicht auszuschließen, dass das Tier ein erbärmliches Leben und einen noch erbärmlicheren Tod hatte. Heute ist die zentrale Frage für mich: Würde ich das Geflügel essen, wenn ich vorher den entsprechenden Schlachthof besichtigt hätte? Ich bezweifle es stark. Würde ich das Tier essen, wenn es beispielsweise auf dem Hof meiner Bekannten oder Familie geschlachtet wurde? Durchaus. Der Unterschied besteht in einem halbwegs genießbaren Leben und einem möglichst respektvollen, gezielten, vor allem gelegentlichen Töten.

Aber geht das überhaupt, respektvoll töten? Und schmeckt das Huhn noch, wenn ich es selbst geköpft, überbrüht, gerupft, ausgenommen habe? Wie fühlt es sich an, den noch zuckenden und flatternden kopflosen Körper festzuhalten? Wie riecht ein frisch geöffneter Hühnerleib?

Ich hatte keine Ahnung, also habe ich es probiert. Meine Schwiegereltern halten Hühner, die zum Teil auch in Topf und Bräter landen. Das Töten handhabt mein Schwiegervater auf die gleiche Weise, wie sie auf vielen Seiten im Internet beschrieben wird: das Huhn wird zeitig und auf ruhige Weise von der Gruppe getrennt, durch einen Schlag auf den Hinterkopf betäubt und so schnell wie möglich mit der Axt geköpft. Idealer Weise eine Sache von Sekunden. Sehr hilfreich fand ich die Beschreibung auf dieser Seite. Wer starke Bilder verträgt, kann auch dieses Video schauen.

Schlachten: eine sehr unschöne Angelegenheit.

Das erste Schlachten: Erfahrungen

Meine erste Schlachterfahrung begann mit dem Staunen, wie groß das auserwählte Huhn war. Damit hatte ich nicht gerechnet, und ich hatte auch gründlich zu tun um es festzuhalten, als es mir zwischenzeitlich vom Arm hüpfen wollte. Einen Namen hatte es auch: die Lisa.

Beim ersten Betäubungsschlag war ich schon sehr unsicher. Wie fest sollte ich eigentlich zuschlagen? Das Tier sollte betäubt sein, dabei aber nicht sterben. Das sagt sich so leicht, wenn man es noch nie probiert hat. Eventuell war der erste Schlag nicht kräftig genug, ich wusste es nicht, deshalb haben wir zur Sicherheit drei Sekunden danach noch einmal auf den Hinterkopf geschlagen (das ging alles ziemlich schnell, Lisa hat sich nicht lange quälen müssen). Spaß hat es mir nicht gemacht, und meine Beine haben mächtig gezittert. Ich weiß gar nicht ob sie überhaupt schon einmal so sehr gezittert haben, das ging bis in den Rücken hinauf.

Da ich wusste, dass der Kopf aufgrund der Federn sehr wahrscheinlich nicht komplett beim ersten Schlag abzutrennen ist, habe ich sofort zwei Mal mit dem Beil zugeschlagen. Meine Sorge, nicht zu treffen, war zum Glück unbegründet. Nun hatte ich damit gerechnet, dass das geköpfte Tier noch mächtig zuckt und blutet – beides war aber kaum der Fall. Ein paar Tropfen Blut, das war’s.

Statt das Tier in einen Eimer heißes Wasser zu tauchen, wie es in vielen Beschreibungen  empfohlen wird, haben wir es direkt aus dem Wasserkocher übergossen (das Wasser hat allerdings nicht mehr gekocht, weil sonst die Haut des Huhnes aufplatzen würde). Das Rupfen ging sehr gut. Aber es war komisch, einem eben-noch lebenden Tier das Federkleid auszureißen. Am liebsten hätte ich mich bei ihm entschuldigt. Zum Schluss haben wir das Huhn abgeflämmt, also die letzten feinen Haare mit einer Gasflamme abgebrannt. Kein Problem soweit.

Schwanz- und Flügelfedern gehen sehr schwer ab, deshalb rupft man sie am besten einzeln aus. Zwischendurch brauchten wir sogar eine Zange. Die kleineren Federn an Bauch und Rücken gehen dagegen ganz leicht aus.

Die größte Überwindung hat mich das Ausnehmen des Körpers gekostet. Anblick und Geruch waren ein deutlich kleineres Problem als die Tatsache, dass der Körper noch sehr warm und dadurch eben noch gruselig „lebendig“ war. Ich habe die Hälfte der Zeit nicht hingeschaut, während meine Hand die Innereien hervorgezottelt hat. Zum Glück sind Darm und Gallenblase dabei heil geblieben. Überraschend war für mich, wie gelb das Fett des Huhns war. Man hätte es auch für Pfirsichhälften halten können. Und wie viel Gewalt zum Teil notwendig war, um das Gewebe aufzutrennen. Davon abgesehen sollte man darauf vorbereitet sein, dass mit dem Darm eben auch Darminhalt das Huhn verlässt. Das fand ich aber nicht weiter schlimm, deutlich weniger schlimm jedenfalls als die Wärme des Tieres.

Ausnehmen – für mich der deutlich unangenehmste Teil.

Der gesamte Prozess vom Schlachten bis zum Aufhängen des ausgenommenen Huhnes in einem kühlen Raum hat zwei Stunden gedauert. Die meiste Zeit habe ich für das Ausnehmen gebraucht. Zum Glück hat mir meine Schwägerin beherzt beim Sezieren geholfen, sonst hätte ich noch deutlich länger gebraucht, um mich mit der Anatomie vertraut zu machen und durch die ganzen Schichten von Fett, Gewebe und Gedärm zu wühlen.

Das Ergebnis ist nun ein Suppenhuhn, das in unserer kalten Vorratskammer hängt und demnächst eingefroren wird, um bei Gelegenheit zu Hühnerfrikassee verarbeitet zu werden.

Würde ich es nochmal tun?

Ja, aber so selten wie möglich. Es hat keinen Spaß gemacht und bedeutet natürlich etwas Arbeit. Aber ich denke, dass diese Art zu leben und zu sterben für das Tier deutlich respektvoller und erträglicher war, als es jemals im industriellen Bereich möglich wäre. Ich kann nicht leugnen, dass ich das Huhn in unserer Vorratskammer mit einem eher ruhigen Gewissen betrachte: irgendwie fühlt es sich eben doch okay an, dass es da hängt. Der Prozess hatte etwas Natürliches. Es war Lisa, drei Jahre alt, und nicht irgendein gesichts- und namloses Huhn aus der Massenhaltung.

Nach dieser Erfahrung möchte ich trotzdem wie geplant im Laufe dieses oder des nächsten Jahres Hühner anschaffen. Die Sicherheit ist bei dieser Entscheidung jetzt größer, weil ich auch die unschöne Seite der Hühnerhaltung, das Schlachten, überdacht und ausprobiert habe.

Ein großes Danke an meinen Schwiegervater für das Huhn, die Hilfe und die vielen guten Ratschläge!

 

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