Rasieren wie vor hundert Jahren

So, nach mehreren Artikeln von Marie zu Cremes und Wässerchen, welche wohl eher unsere weiblichen Besucher angesprochen haben, melde ich mich mal wieder zu Wort  mit einem richtigen Männerthema – der Nassrasur. Und um das Ganze noch männlicher (hoar hoar hoar) zu gestalten, soll es um das Rasieren mit dem Rasiermesser gehen, wie es bis zur Erfindung des Rasierhobels Anfang des 20. Jahrhunderts üblich war.

Als geniales Geschenk hab ich letztes Weihnachten von der Marie alles Nötige für die Nassrasur mit dem Messer bekommen. Bisher hatte ich immer einen Trockenrasierer verwendet, und da ich relativ dicke Barthaare und  kräftigen Bartwuchs habe, war das Trockenrasieren ein regelmäßiges, nötiges Übel, was durch diverse Bartformen über die Jahre nicht wirklich erleichtert wurde. Mit dem Rasiermesser ist nun nicht alles wunderbarer Weise ein Vergnügen geworden, aber es hat mich überrascht, dass das Rasieren mit dem Messer nicht länger dauert und wesentlich angenehmer ist. Und um schon einmal die wohl brennendste Frage vorweg zu beantworten: Ich habe mich in den letzten 10 Monaten mit dem Rasiermesser nur einmal geschnitten und ich bin bisher der Meinung, dass man schon sehr unkonzentriert sein muss, um sich zu schneiden. Richtig dolle Schnitte mit dem Rasiermesser kann ich mir nicht vorstellen, da man doch sehr schnell merkt, wenn man sich schneidet.

Ich werde in diesem Artikel das Thema Nassrasur nur anreißen und einen kurzen Überblick über den Ablauf geben. Falls euch das Thema mehr interessiert und ihr vielleicht sogar selbst damit anfangen wollt, kann ich euch das Nassrasur.com Portal empfehlen. Im Forum findet ihr viele nette Nassrasur-Enthusiasten, welche euch mit Rat und Tat (z.B. Schleifen eures Messers) zur Seite stehen.

Aber nun zu den Dingen, die man für eine Nassrasur mit Messer braucht:

Von links nach rechts: Abziehriemen, Schale zum Schaumschlagen, Rasierseife, (moderner Nassrasierer), Rasierpinsel und Rasiermesser.

Eine Nassrasur mit dem Messer besteht aus folgenden Schritten:

1. Schritt: Die Barthaare müssen für die Rasur weich gemacht werden. Ich versuche mich meist nach dem Duschen zu rasieren, dann sind die Haare schon schön eingeweicht. Falls das nicht möglich ist, weiche ich das Gesicht mit mehreren Schwüngen warmen Wassers ein und lasse später den Rasierschaum länger einwirken. Falls ich die Haare mal nicht ausreichend eingeweicht habe, merke ich es bei der Rasur sofort. Es ziept eindeutig mehr. Dann heißt es, einfach noch ein wenig warten und dem Schaum Zeit zum Wirken geben.

2. Schritt: Die Schale wird mit warmen Wasser gefüllt und der Rasierpinsel hineingelegt, sodass er sich mit Wasser vollsaugen kann. Ein wenig Wasser wird auch auf die Seife gegeben, damit diese weich wird. Für mich ist eine einfache Keramikschale völlig ausreichend, aber viele Nassrasur-Enthusiasten schwören auf einen Mug, damit der Schaum richtig cremig wird.

3. Schritt: Während der Pinsel und die Seife einweichen, kann man das Rasiermesser abledern. Beim Abledern wird der superfeine Grad des Messers wieder aufgerichtet und das Messer somit auf bestmögliche Schärfe gebracht. Wichtig beim Abledern ist, dass man es mit Spannung auf dem Riemen und einer vernünftigen Technik macht. Die Geschwindigkeit ist kaum ausschlaggebend – also kein schnelles Rumgefuchtel, wie man es in manchen Filmen sieht. Die Technik lässt sich nur umständlich beschreiben, daher soll hier ein Youtube-Video von MrNassrasur aushelfen.

4. Schritt: Jetzt wird Schaum geschlagen! Man schlägt den Pinsel einmal aus, damit der zwar feucht, aber nicht tropfnass ist, und nimmt mit ihm die angeweichte Rasierseife auf. Danach stampft man den Pinsel im schnellen Rhythmus auf den Boden der Rasierschale.

Nach und nach bildet sich eine Schicht Schaum auf dem Boden und der Pinsel selbst füllt sich. Nach einer Weile presse ich den Schaum dann mit den Fingern aus dem Pinsel. Dann wird weiter gestampft.

Das wiederhole ich ein oder zweimal, bis ich genug Schaum in der Schale habe.

5. Schritt: Ist der Schaum schön cremig, wird eingeseift. Hierzu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen, außer dass natürlich alle Bartregionen, die man rasieren will, gut eingeschäumt sein müssen und dass man den Schaum ein wenig einwirken lassen sollte, da er die Barthaare nochmal weicher macht.

6. Schritt: Jetzt wird die Klinge gezückt. Ich halte mein Messer, wie oben auf dem Bild gezeigt, wobei zu beachten ist, dass ich Linkshänder bin.

Das Messer sollte in einem Winkel von 30 Grad angesetzt werden. Auf dem Bild oben ist der Winkel zu steil; hier besteht die Gefahr, dass man sich schneidet, wenn man zu viel Druck ausübt. Ist der Winkel zu flach, gleitet die Klinge nur über die Haare und schneidet nicht. Die Backenregion, die Regionen unterm Kinn und am Halsansatz finde ich am einfachsten zu rasieren. Probleme bereitet mir noch der Bereich zwischen Unterlippe und Kinn, da hier die Haare sehr dicht sind und mehr abstehen. Hier muss ich oft noch zum modernen Nassrasierer greifen, um eine wirklich saubere Rasur hinzubekommen, aber Übung macht bekanntlich Meister.

Hautstraffen mit den Fingern und Grimassen schneiden sind übrigens beim Nassrasieren erlaubt und erleichtern den Prozess ungemein. Es sieht eh keiner, was für ein dummes Gesicht du machst, und falls doch mal jemand reinkommt, staunen sie eh nur ehrfürchtig über das coole Messer in deiner Hand. :)

Der Schaum mit den abgeschnittenen Haaren wird nach jedem Zug mit kaltem Wasser von der Klinge gespült.

7. Schritt: Da ich kein Aftershave benutze, kommt an mein Gesicht nach der Rasur nur eiskaltes Wasser. Davon aber sehr viel, da es sehr angenehm kühlt und die Poren schließt.

8. Schritt: Das Messer wird nur unter kaltem Wasser abgespült und leicht abgetrocknet. Dabei muss man auf die Klinge aufpassen. Der Rasierpinsel wird erst von der Seite abgespült und dann lässt man Wasser in den Pinselkopf laufen. Danach wird er gut ausgeschlagen und dann zum Trocknen ins Rasierbesteckgestell gehängt.

Wie schon oben erwähnt, mag ich die Nassrasur mit dem Messer um einiges lieber als das Rasieren mit dem Apparat. Es ist angenehmer und braucht ungefähr die gleiche Zeit. Das gewisse Ursprüngliche, der Männlichkeitsfaktor und das Ritual sind für mich natürlich das Sahnehäubchen auf dem Ganzen … ach ne, ich meinte natürlich das Schaumhäubchen.

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