Konsumverzicht: eine leere Phrase? Kritische Gedanken

Seit ich angefangen habe, mir über die Gesellschaft Gedanken zu machen und mehr darüber zu lesen, stolpere ich über Aufrufe zum „Konsumverzicht“. Daniel und ich reden oft darüber; viele Artikel zu den Themen (weniger) Arbeiten, Kaufen und zum Selbermachen wurden schon auf diesem Blog veröffentlicht. Vor wenigen Tagen hat Lisa vom Experiment Selbstversorgung ihre Gedanken zum Thema geteilt. Trotz aller guter Argumente und Absichten stehe ich dem Begriff „Konsumverzicht“ aber skeptisch gegenüber. Eine Kritik des Begriffs

Ich, Konsum, gebraucht von dir, verbrauch dich
Der Weg zu mir ist kurz und bequem
nur du und ich und das System
Denn du kannst zwar machen, was du willst, aber nicht wollen, was du willst
Die Unfreiheit des Willens ist ein Pilz, der wuchert
und wächst über dein Gehirn, reagiert mit deinem
Komplex und ich, Konsum, düng‘ dieses Gewächs

(Die Fantastischen Vier: Auszug aus „Konsum“)

 

Bisher habe ich es kaum erlebt, dass am Anfang einer Diskussion zum Thema der Begriff „Konsum“ genauer unter die Lupe genommen wurde. Was ist das denn, Konsum? Das Wort stammt, wie so oft, aus dem Lateinischen.„Consumo“ bedeutet so viel wie: gebrauchen, verzehren, verbrauchen, auf etwas verwenden, aufbrauchen. Aber auch verschwenden. Der Deutsche Duden setzt Konsum mit Verbrauch, vor allem von Lebensmitteln und Genussmitteln, gleich.

Was ist mein Problem? Wenn wir essen, trinken, etwas lesen, etwas benutzen oder uns Kleidung überwerfen, konsumieren wir also. Ob man für das gebrauchte Gut etwas bezahlt hat, ist vorerst nicht von Bedeutung. Ebenso sagt das Wort nichts darüber aus, wo der Gebrauchsgegenstand herkommt oder wie er produziert wurde. Hier beginnen meine Schwierigkeiten mit dem Konsumverzicht: da ich so gern esse wie ich schlafe, und da ich der größte Fan von gutem Bier und Wein bin, da ich gern lese und das auch noch bequem bekleidet, habe ich erst einmal nicht viel gegen Konsum an sich.

Schappschuss beim Brauen
Schappschuss beim Brauen

Meine zweite Schwierigkeit habe ich mit dem negativen Begriff „Verzicht“. Wenn ich die bisherigen Aufrufe zu Konsumverzicht richtig verstanden habe, dann geht es da um ein kritisches Bild des derzeitigen Wirtschaftssystems, denn es basiert auf Ausbeutung von Menschen, Tieren, der Umwelt und ganzen Ländern, auf Ungleichheit, auf dem Drücken von Löhnen, auf dem Beschneiden von Freizeit und also von Freiheit. Das alles kritisiere ich ebenso (zum Beispiel hier, hier, hier, hier oder hier. Dennoch hat ein bewusster, verantwortungsvoller Gebrauch und Kauf von Waren für mich nichts mit Verzicht zu tun.

Ein Beispiel: Ich freue mich mittlerweile seit über einem Jahr Tag für Tag über mein in Deutschland handgefertigtes Henkys-Spinnrad. Henkys ist eine familiäre Drechslerwerkstatt in Brandenburg. Selten hat Konsum über Jahre hinweg so große Freude bereitet! Gleiches gilt für gute Lederschuhe vom Schuster. Die pflege und trage ich ganz anders als Plastiklatschen für 20 Euro. Gleiches gilt für das köstliche Bier einer lokalen Mikrobrauerei, handgestrickte Decken, die hausgeschlachtete Gans vom Nachbarhof, den Genuss vollreifer Tomaten oder Beeren aus dem Garten… Was soll das alles mit Verzicht zu tun haben?! Nichts. Ich konsumiere. Nur dass langfristiger Genuss und bewusstes Verbrauchen eine relativ große Rolle spielen. So lange ich die Dinge aber nicht selbst hergestellt habe oder sie geschenkt/eingetauscht bekomme, bewege ich mich nach wie vor sehr häufig in einem Wirtschaftssystem. Und selbst wenn ich Dinge selbst herstelle, beziehe ich die benötigten Rohstoffe häufig über wirtschaftliche Beziehungen.

Selbstgebackenes Brot
Selbstgebackenes Brot

Meine dritte Schwierigkeit mit dem Aufruf zum Konsumverzicht besteht darin, dass er häufig von Menschen ausgerufen wird, denen es verhältnismäßig gut geht. Sie gehören einer Mittel- oder Oberschicht an und sind meist gut gebildet. Es fällt vor allem den Leuten leicht, das Fernsehen abzulehnen, die schon einmal einen  Fernseher besessen haben oder zumindest einen besitzen könnten, wenn sie wollten. Diese Leute wissen außerdem, wie sie alternativ zu besseren Informationsmöglichkeiten kommen, und sie wissen, dass das heutige Fernsehen wenig qualitativ informativ ist. Ich zähle mich da selbst hinzu, ich habe meinen selbst aus der Wohnung geschmissen. Das ändert nichts daran, dass für mich der Ruf nach Konsumverzicht einen elitären Beigeschmack hat, und ich finde, man sollte sich dessen ruhig einmal bewusst sein. Ich erinnere mich da an eine Kolumne von Sibylle Berg. Die war eigentlich zu einem ganz anderen Thema und außerdem ziemlich schlecht (ihre Bücher sind aber klasse). Ich fand es herrlich, wie sie zwischendurch auf genau diese Thematik anspielt: „Der systemkritische, gut verdienende Europäer ….“ „Der systemkritische, konsumskeptische Konsument lässt sich nichts mehr vormachen„. Ich erkenne mich selbst in diesen Beschreibungen wieder.

Das bringt mich direkt zur vierten Schwierigkeit: sind wir nicht scheinheilig, wenn wir ausbeuterischen, wenig nachhaltigen Konsum verurteilen und es an unseren PCs und Tablets und Smartphones in die Welt tragen? Wie viele von uns besitzen denn einen fair hergestellten PC? Hier bin ich ganz Lisas Meinung, wenn sie statt einer totalen Lösung Reflexion in den Mittelpunkt rückt. Ich finde, wir sollten mal ein bisschen uneitel sein und unsere eigenen Widersprüche erkennen. Dann fällt es auch leichter, undogmatisch über praktische (Aus)wege aus der ethischen Klemme nachzudenken.

Fazit

Im Grunde sind wir uns einig. Auch ich kritisiere das menschenfeindliche Wirtschaftssystem, auch ich spreche mich für Muße und Freizeit aus, denn ich halte sie für Grundvoraussetzungen für Bildung, Reflexion, Selbstverwirklichung und Zufriedenheit. Aber ich halte die Debatte über Konsumverzicht für zu einseitig beziehungsweise fehlgeleitet. Konsum an sich, also das Gebrauchen, Verzehren oder Verbrauchen von Gütern (also auch Nahrungsmitteln) ist für mich nichts Negatives. Im Gegenteil: für mich gibt es langfristig genussvollen, freudvollen und nachhaltigen Verbrauch. Überhaupt ist mir Genuss sehr wichtig. Statt Konsumverzicht beschäftigt mich daher vielmehr die Frage, welcher Konsum ein guter, ein menschen-, tier- und umweltfreundlicher Konsum ist.

 

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