Jippi, eine Garderobe! Oder: warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Klar hätten wir nach unserem Umzug einfach eine Garderobe oder ein paar Haken kaufen können, und schwups hätten auch unsere Jacken und Schals ein neues Zuhause gehabt. Aber ich hatte mir etwas anderes in den Kopf gesetzt. Ein halber Baum sollte es sein, oder wenigstens ein großer Ast mit vielen Zweigen, deren Ansätze uns als Haken dienen können. Dieser Plan hat dazu geführt, dass ich fast ein Jahr lang in jedem Baum eine potentielle Garderobe gesehen habe. Am Ende hat uns ein Ast gefallen und wir hatten vor allem gerade den Nerv, das Projekt endlich anzugehen. Also haben wir Machete und Säge gezückt – ein Ast musste dran glauben.

Die Machete war nötig, um uns einen Weg durch den unsagbar widerstandsfähigen Hopfen zu bahnen

Naja, genau genommen mussten zwei Äste dran glauben. Den ersten hatte ich nämlich mit ins Haus genommen, um ihn dort abends in Ruhe und bei einem Glas Wein zu entrinden. Fehler, denn dort vergaß ich ihn bei aufgedrehter Heizung. Das war völliger Käse. Der Ast ist viel zu schnell getrocknet und dermaßen eingerissen, dass ich ihn mit einer Hand zusammendrücken konnte. Dabei weiß ich spätestens seit der Kuksa, dass das Holz lange und kühl trocknen muss. Aber zu spät. Von vorn, die Herrschaften…

Der erste Bearbeitungsschritt: Kappen aller Zweige. Nur die Ansätze sollten als zukünftige Haken stehen bleiben

Zur Lagerzeit habe ich übrigens Empfehlungen von 6 Monaten bis zu 2 Jahren gelesen. Okay, diese Geduld hatte ich wirklich nicht. Unseren Ast hatte ich circa 3 Monate in der eiskalten Werkstatt gelagert. Allein in dieser Zeit war er mächtig eingerissen. Solche Risse entstehen beim Trocknen ganzer Äste übrigens in jedem Fall, die Frage ist nur wo und wie tief. Mich persönlich stören sie nicht, so lange die Stabilität nicht darunter leidet.

Zweiter Schritt: Endlich wieder schnitzen! Seit der Kuksa und einigen ganz kleinen Projekten hatte ich das Schnitzmesser nicht mehr in der Hand. Es war aber eindeutig zu klein für den großen Ast. Etwas anderes musste her…

Beim Entrinden wollte ich beide Schichten der Rinde, also die äußere Borke und den innen liegenden Bast, entfernen. So richtig erkannt habe ich den Bast auf dem Holz aber nur daran, dass er sich kurze Zeit nach dem Schneiden orange gefärbt hat. Das Holz hingegen blieb hell.

Und noch mehr tolle Sachen habe ich gelernt. Daniel hatte nämlich gerade ein Zugmesser bestellt. Das brauchen wir demnächst für den Bau zweier Bögen. So ein Spaß, dieses Teil! Man zieht es mit beiden Händen zu sich hin und schneidet dabei butterweiche Rinden- und Bastschichten ab. Allerdings habe ich an vielen Stellen auch versehentlich etwas Holz abgetragen und damit einige Ecken und Kanten produziert.

Zugmesser: ein Heidenspaß auf großen Flächen. Außerdem erkennt man hier den Unterschied zwischen Bast und Holz ganz gut

Weil sowohl das Zugmesser als auch die kleinen Schnitzmesser bald stumpf wurden, hatte ich mal wieder Gelegenheit mich im Schärfen der Messer zu üben. Ganz klassisch mit Wasserschleifsteinen natürlich :) Die Technik hat zum Glück auch für das große, eher dicke Zugmesser gut funktioniert.

Nackig fand ich den Ast schon recht schmuck. Den gröbsten Kerben bin ich mit der Schleifmaschine zu Leibe gerückt.

Dritter Schritt: Mit Schleifpapier oder Schleifmaschine nachhelfen, wenn die Schnitzkunst noch nicht überzeugt
Schmale Zwischenräume ließen sich gut mit einer Feile bearbeiten.

Von Holzwürmern hatte ich zwar gehört und deren Gänge bewundern können. Noch nie aber durfte ich leibhaftig eine dieser gefräßigen Larven streicheln. Beim Schnitzen hat mich ein Larven-Pärchen begrüßt, das wahrscheinlich nicht sehr begeistert davon war, dass ihm das Dach abgesäbelt wurde. Spätestens jetzt ging die Recherche los, wie ich das Holz behandeln könnte um es vor einer kontinuierlichen Aushöhlung zu bewahren.

Ahaa, so sehen also Holzwurm-Larven aus…

Normaler Weise bevorzuge ich die ökologischen Lösungen, was in diesem Falle (meiner Recherche nach) Essigessenz gewesen wäre. Allerdings hatte ich in der Werkstatt auch noch „Holzwurm Ex“ gefunden, das wir mal für einen antiken, aber durchlöcherten Küchenschrank gekauft hatten. Na gut, auf die Dose und probiert… Stolz bin ich im Nachhinein nicht unbedingt darauf, und der Gestank hat mir schon klar gemacht, warum die Larven gegen das Zeug keine Chance haben. Beim nächsten Mal vielleicht doch lieber Essig – oder kennt ihr einen anderen guten Trick?!

Vierter Schritt: Zwangsweise Räumung der Larven-Siedlung

Mit dem Ölen von Holzmöbeln habe ich schon mehrfach äußerst gute Erfahrungen gemacht. Deshalb hat auch die Garderobe zwei Anstriche mit Tungöl genossen. Als Schutz, und weil die Maserung dann so schön hervortritt.

Fünfter Schritt: Ölen und Farbeffekte genießen
Weil ich die grobe Optik mag, habe ich trotz Schleifmaschine häufig die Kanten stehen lassen
Mit zusätzlichen kleinen Haken haben wir weitere Baumel-Möglichkeiten geschaffen.

Nun heißt es abwarten, ob noch deutlich größere Risse entstehen, die womöglich noch die Stabilität beeinflussen. Zum Glück ist es sehr kühl in unserem Flur, ich habe Hoffnung.

 

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