Ist melken eigentlich schwierig? Erfahrungsbericht einer Anfängerin (Gastbeitrag von: Bea)

Marie beschäftigte sich in den vorangegangenen Beiträgen mit der Organisation eines Selbstversorger-Lebens im Großen und Ganzen. Aber auch die banalen, kleinen und alltäglichen Dinge verdienen meiner Ansicht nach Beachtung. Denn schließlich strebt man wohl nach einem Zugewinn an Lebensfreude und Lust anstatt einem Mehr an alltäglichem Frust. Ein Grund, weshalb ich seit Jahren das Leben mit einer Landwirtschaft in meinen Urlauben teste. Ich arbeite dann auf Bergbauernhöfen und Almen mit und erledige, was gerade so anfällt. Nach meinem letzten Aufenthalt auf einem Bauernhof in Osttirol, dem Mittergutnigg Anwesen, fragte mich Marie, ob melken denn schwierig sei. Da ich auf Anhieb keine gute Antwort parat hatte, ließ mich der Gedanke daran nicht mehr los. Deswegen habe ich mir mal notiert, wie so ein Stall-Arbeitsgang exemplarisch aussehen kann…

Es ist 05:40 Uhr und draußen im Villgratental ist es stockdunkel. Der Wecker klingelt. Ich frage mich gerade ob ich eigentlich noch müde bin, bremse aber den Gedanken ab, weil ich mir diesen gar nicht gönnen will. Schließlich will ich das hier ja genau „so“. Also springe aus dem Bett und gehe ins Bad, wo ich mich schnell anziehe und mir die Zähne putze. Und dann geht es auch schon ab in den Stall, der sich an das Wohnhaus anschließt. (Mehr als „Katzenwäsche“ macht vor der Stallarbeit übrigens keinen Sinn: Man riecht danach – trotz separater Stallkleidung – selbst wie ein wandelnder Misthaufen und muss in jedem Fall unter die Dusche.)

Das Mittergutnigg Anwesen
Das Mittergutnigg Anwesen

Als ich den Stall betrete, drehen sich sieben Augenpaare zu mir um und sehen mich aus großen, sanftmütigen Augen an. Es scheint als würden sie bereits auf ihr Frühstück warten. „Guten Morgen die Damen“, rufe ich ihnen zu und drehe das Radio auf. Einige Momente später beginne ich mit einer Schaufel die Kuhfladen aus der „Kacke-Rinne“ (?) auf einen Schubkarren zu schaufeln, den ich draußen mehrmals auf den Misthaufen ausleere. Die Arbeit mit dem Mist macht mir überhaupt nichts aus. Ist halt notwendig.

Dann geht´s weiter, indem ich jeder Kuh eine ordentliche Portion Heu in die Futter-Rinne hieve. Sofort beginnt zufriedenes, gieriges Kauen um mich herum, diejenigen, die noch nicht an der Reihe waren, sehen mich eindringlich an. Auch die Schweine melden sich mittlerweile zu Wort. Sie quieken und grunzen in ihren Boxen, aber ich weiß nicht, was ich ihnen geben soll, da bisher immer Bauer Markus oder Senior Josef die Schweine gefüttert hat. Als das Quieken noch lauter wird, gebe ich ihnen ein bisschen Heu – sie sind ja Allesfresser – das wird dann schon passen, so meine ich jedenfalls. Zumindest geben sie erst einmal Ruhe.

Melken
Melken

Dann kommt auch schon Bauer Markus zur Stalltüre rein und bringt auch gleich die Milchkanne samt Melkgeschirr mit. Er lässt mich die Schläuche an der Kanne festmachen. Die erste Kuh ganz rechts melkt Markus immer selbst. Sie ist noch etwas jung und hat kein starkes Nervenkostüm. Vermutlich würde sie nach mir treten. Ich bin froh, dass mir Markus bei Bedarf hilft, mir alles geduldig erklärt und auch so ein bisschen auf mich – als Anfängerin – aufpasst. Denn wenn ich komplett allein, z. B. als Sennerin auf einer Alm wäre, dann hätte ich diesen Luxus nicht und müsste mich auch an Kühe heran trauen, denen im wahrsten Sinne des Wortes nicht zu trauen ist.

Während die Melkmaschine läuft, hole ich mir den Melk-Schemel an die nächste Kuh „Ilse“ heran und beginne mit einem Tuch ihr Euter sauber zu machen. Bevor ich an die Kühe herantrete mache ich mich jedoch immer bemerkbar. Ich murmle abwechselnd „guten Morgen meine Hübsche“, schnalze mit der Zunge oder rufe sie beim Namen. Bevor ich dann Hand an die Euter lege, streiche ich ihnen an der Seite entlang herunter, so dass der Griff an die Euter nicht unvermittelt kommt. Aber Ilse tänzelt diesmal trotzdem herum und klatscht mir mit dem Schwanz gegen den Kopf als sei ich eine lästige Fliege. Das nervt. Ich klopfe ihr beruhigend auf die Kruppe. Dann versuche ich es nochmal.

Als ich beginne ihre Zitzen zu säubern, das gleiche Spiel. Sie hebt sogar ein paar Mal den Fuß und zuckt so ein bisschen in meine Richtung. Das sind alles nur Warnschüsse, aber gleichzeitig bezweifle ich, dass Ilse weiß, dass sie mir mit einem richtigen Schlag gegen die Schläfe alle Lichter auf einmal auslöschen kann. Also bin ich lieber vorsichtig. Ich brumme sie streng an, dass sie sich jetzt still halten soll und fahre fort. Dann hab ich endlich alle vier Zitzen sauber. Ich melke pro Zitze zunächst zwei Strahle Milch in einen Becher. Wenn er voll ist wird dieser entsorgt. Das wurde mir so beigebracht und ist bestimmt aus hygienischen Gründen wichtig. Dann klappe ich den Hebel für die Melkmaschine herunter und höre dann gleich den luftsaugenden Ton der Maschine. Mit der linken Hand halte ich das Verbindungsstück der vier Saugpfropfen in der Hand und drehe auch dort einen Hebel in die richtige Stellung, so dass sich ein Ventil öffnet. Dann bücke ich mich unter die Kuh und halte die Pfropfen an die Euter, die darin sofort mit einem „Plopp“ festgesaugt werden.

In gleichmäßigen Takten saugt sogleich die Maschine die Milch aus der jetzt sehr zufrieden aussehenden Ilse. Na du Diva. Hättest dir das Theater vorab auch sparen können, denk ich mir. Nun kann ich zur nächsten Kuh gehen. Ich säubere wieder ihre Zitzen, klopfe ihr ein bisschen auf die Kruppe und gehe dann zurück zur Ilse, um den Melk-Vorgang zu beenden. Zwischen den vier Pfropfen ist eine Art kunststoff-verkleideter Knoten, indem die Milch gesammelt wird und dann über einen durchsichtigen Schlauch in der Milchkanne landet. Nach ca. zwei Minuten drücke ich diesen Knotenpunkt dann, so wie es mir Markus gezeigt hat, etwas nach unten. Hierdurch wird der Milchfluss nochmal etwas üppiger. Generell ist es sehr unterschiedlich wie lange die einzelnen Kühe brauchen, bis sie „leer“ sind. Gefühlt würde ich im Durchschnitt etwa fünf Minuten ansetzen. Ich habe es andernorts auch schon mal erlebt, dass mir die Kuh – vermutlich weil sie mich nicht kannte – kaum Milch gegeben hat bzw. diese laut der Sennerin „hochgezogen“ hat. Das machen die Kühe in diesem Stall nicht.

Lena
Lena

Aber nun sehe ich, wie nur noch ein verschwindendes Rinnsal durch den durchsichtigen Schlauch in die Kanne fließt. Ilse ist fertig. Ich öffne daraufhin eine Art Riegel am Knoten, wodurch das Saugen in den Pfropfen sofort aufhört. Dann schließe ich auch das Ventil des Rohres an der Decke wieder indem ich den Hebel nach oben drücke. Ich lasse etwas Druck aus der Milchkanne indem ich den Riegel am Knoten nochmal betätige und hänge dann das Geschirr samt Milch-tropfendem Kannendeckel an einen Haken zwischen den zwei Kühen, die gerade gemolken wurden. Dann bringe ich die Milch nach draußen und gieße sie durch einen Filter in den Milchtank.

Und so geht es dann Kuh für Kuh, außer, dass die meisten – im Gegensatz zu Ilse und Marissa – ganz lieb sind. Und die meisten genießen es, sich zwischendurch von mir ein bisschen tätscheln zu lassen. Wenn ich mit dem Melken fertig bin, nehme ich mir ein bisschen Zeit, um Lena, das einjährige Kalbinnen-Mädchen, zu streicheln. Lena ist die liebste Kuh die ich kenne. Manchmal wundert es mich ein bisschen, dass sie nicht zu schnurren anfängt während ich sie kraule.

Dann mache ich die restliche Stallarbeit (vieles davon hat inzwischen schon Markus erledigt) bzw. gebe den Kühen Sägespäne als weiche Liege-Unterlage und schütte vom darüber liegenden Heustadel aus noch duftendes Bergwiesen-Heu durch eine Klappe in den Stall hinunter. Und dann, ja dann, freue ich mich erst einmal auf eine warme Dusche.

Fazit: Melken ist von der Grundtechnik her erst einmal nicht schwierig. Bis man jedoch zum wirklichen Könner wird und auch die Zusammenarbeit zwischen Kuh und Mensch einwandfrei funktioniert, dauert es wohl Monate oder sogar Jahre.

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Postkarte von der Mittergutnigg Hütte

Übrigens: Man kann auch in der Nähe des Mittergutnigg Anwesens, auf der Mittergutnigg Hütte (Alfenalm, 1700 m) Urlaub machen. Mehr Informationen findest du auf Facebook oder im Flyer.

Wenn Du möchtest, gibt Dir dann auch Maria Bachmann in Ihrer gemütlichen Stube auf dem Mittergutnigg Anwesen einen Einführungskurs in das Wolle spinnen, in das Brot backen oder Schlüpfkrapfen machen. Während Du nach einer kurzen theoretischen Einführung selbst üben bzw. mitmachen darfst, erzählt Dir Maria so manche Anekdote aus einem ereignisreichen Leben in einem tiroler Bergbauerndorf.

 

 

Weitere Gastartikel von Bea: Der Traum vom „Alternativ-Leben“: Ein Aufruf

Kontakt: AlternativLeben@outlook.de

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