Filmtipp: Frohes Schaffen. Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral

Ich finde gar nicht, dass dieser sehenswerte Film die Arbeitsmoral senkt. Er untersucht vielmehr, welche Rolle „Arbeit“ in unserer westlichen Gesellschaft hat. Und findet heraus: Arbeit hat für viele von uns eine nahezu religiöse Bedeutung. Wir haben in ihr eine Antwort auf viele unserer Fragen nach Wertschätzung und Anerkennung, unserer persönlichen Entwicklung, der Erfüllung von Träumen gefunden. Sie gibt uns eine Begründung dafür, warum wir morgens aufstehen. Sie ermöglicht uns Konsum, der kurzzeitig befriedigt und anderen Menschen wiederum Arbeit gibt. Was sollte so schlimm daran sein?

Arbeit ist die Wertschätzung von Menschen auf Umwegen. Selbst wenn man das akzeptiert, bietet unsere Gesellschaft nicht die Strukturen für eine Wertschätzung aller Menschen. Ein Teil der Bevölkerung arbeitet immer mehr (häufig ohne die ersehnte Anerkennung und Traumerfüllung). Die Hoffnung hinter harter Arbeit ist ewiges Wachstum und Wohlstand. Es dreht sich also um Geld. Der andere Teil der Bevölkerung hat aber keine oder nur wenig Arbeit. Wieder andere arbeiten viel und hart, ohne entsprechend viel Geld zu verdienen. Wer keine Arbeit hat, wird in Deutschland in Beschäftigungsmaßnahmen „untergebracht“, denn beschäftigt sein wird als Grundvoraussetzung für den Wert des Menschen akzeptiert. Lernen wir uns kennen, lautet eine der ersten Fragen: „Und was machst du so?“ Kinder und Jugendliche werden nicht gefragt, wer oder wie sie sein möchten, sondern „was sie werden wollen“. Arbeit als Beweis unserer Existenz: auf einigen Grabsteinen steht der Beruf.

Die Grundfrage des Films, d800px-Beeser eine Mischung aus Dokumentation, Interviews und einzelnen Schauspielszenen ist, ähnelt der Diskussion im Buch „Lob der Faulheit“. Wann, wie und warum hat sich unsere Gesellschaft zu einer arbeitswütigen Masse entwickelt? Welches System steckt dahinter? Wie war es vorher (war es wirklich immer schlimmer)? Wir wissen heute, dass das Ziel der Menschheit immer war, weniger arbeiten zu müssen und angenehmer zu leben. Aus diesem Grunde wurden Maschinen erfunden. Nur – warum ist der Plan von weniger Arbeit nicht aufgegangen? Die weniger werdende Arbeit (die von Maschinen übernommen wurde) könnte gleichmäßig unter der Bevölkerung aufgeteilt werden, sodass jeder nur noch ein paar Stunden pro Tag oder Woche arbeiten müsste. Warum haben wir das nie probiert? Und warum behaupten einige Menschen immer noch, dass Vollzeit-Arbeit für alle Menschen möglich wäre, wo es unzählige Experten gibt, die darüber nur schmunzeln können?

Das alles klingt so, als wäre Arbeit unser aller Feind. Oben habe ich aber behauptet, dass der Film meiner Meinung nach die Arbeitsmoral nicht senkt. Das denke ich, weil Arbeit (im Sinne von Beschäftigung, tätig sein) und Beruf (im Sinne von „Berufung“) eben nicht nur Leiden erzeugen müssen. Zum Glück sehen das einige Personen im Film genauso. Wenn ich liebe, was ich tue und einen Sinn darin sehe, dann bin ich gern tätig. Dann bin ich sogar besser darin! Zwischendurch sitze ich gern mit Freunden und Familie im Pub, im Garten oder auf dem Balkon. Es kann so einfach sein, sein Leben lustvoll und mit Leidenschaft zu verbringen.

Richtig schön war es übrigens, einen „alten Bekannten“ im Film wiederzusehen: Tom Hodgkinson, den legendären und von mir sehr geliebten englischen Autor von „Anleitung zum Müßiggang„. Der hat inzwischen seine Akademie des Müßiggangs gegründet und gibt uns im Film zwei Lektionen. Die werden jetzt aber nicht verraten :) Wer es lieber auf Deutsch mag, dem sei das deutsche Pendant, die Akademie zur Senkung der Arbeitsmoral, empfohlen. Auf deren Titelbild seht ihr, na klar, Tom Hodgkinson. Den Newsletter gibt es auf www.frohesschaffen.de.

 

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