Die Zeit und was wir daraus machen

Ich glaube, wenn ich zwei oder drei Tage lang nichts als nachdenken könnte, würde ich alles umstoßen. (Henry Miller, 1891-1980; Zitat entnommen aus „Anleitung zum Müßiggang“)

Der glücklichste Teil im Leben eines Menschen ist der, den er morgens wach im Bett verbringt. (Dr. Johnson, 1709-1784; Zitat entnommen aus „Anleitung zum Müßiggang“)


Ich stöbere seit längerem immer mal wieder auf den Seiten des Vereins zur Verzögerung der Zeit herum, und durch einen neuen Artikel der ZEIT bin ich wieder auf das Thema aufmerksam geworden. Es geht um die Frage:

Wie gehen wir mit unserer Zeit um? Helfen uns neue Technologien tatsächlich dabei, Zeit zu „sparen“? Oder versuchen wir nicht vielmehr, immer mehr immer schneller in immer kürzerer Zeit in den Tag zu stopfen? Was bedeutet das für die Lebensqualität?

Dieses soll natürlich kein Hetzartikel gegen technische Innovationen sein – das wäre generalisierte Verteufelung (und ironisch – dieses ist ein Blog). Und trotzdem frage ich mich, ob ich nicht – für meinen Geschmack – zu abhängig geworden bin von Technologien und alltäglichen Hamsterrädern, von vermeintlich notwendigen Routinen und Tagesgeschehen. Ich frage mich zum Beispiel, wie wichtig und informativ der morgendliche Check von Facebook, MySpace & Co tatsächlich ist. Ich bezweifle sogar, dass mir der tägliche Konsum der neuesten Schlagzeilen etwas bringt. Ich bin mir nicht sehr sicher, ob es mich glücklich macht, fix mit einem Coffee-to-go und einem Handy am Ohr Geld am Automaten abzuheben, um pünktlich zu H&M im nächsten klimatisierten Shoppingcenter zu kommen…

Nein, ich denke, der Verein zur Verzögerung der Zeit hat schon recht: Der Mensch muss oft erst krank werden, um die Zeit vom Bett aus wieder anders wahrzunehmen, um von unnötigen Routinen loszulassen. Um durchzuatmen. Vielleicht: nachzudenken statt zu glauben, mit was man gefüttert wird. Ich denke, Aufmerksamkeit ist das, was durch die „Beschleunigung der Zeit“ am ehesten verloren geht.

 

Zeitdruck ist nicht nur ein Problem für mich als „Konsument“, er ist auch ein Problem der industrialisierten Produktion

Reift der Käse schneller, weil wir ihn für 90 Cent auf den Mark schleudern wollen? In wie kurzer Zeit können Tiere gemästet werden, bis sie ihr eigenes Gewicht nicht mehr tragen und innerhalb von Stunden als Steak im Kühlregal liegen können? Wie können chinesische Arbeiter für Apple & Co noch mehr noch schneller in ihrer 12-15 Stundenschicht zusammenschrauben?

Ich persönlich habe für mich beschlossen, die Sache genauer zu beobachten. Am Ende geht es doch nur darum: Wie sieht es aus mit der Lebensqualität von Mensch, Tier und Pflanze?

Ich habe viele Ideen und Gedanken zu diesem Thema. Ich halte es zum Beispiel für möglich, dass ich mir das tägliche News-Geschnodder schenken kann; dass ich genauso viel aus einer Wochenzeitung lerne, bei der die Journalisten eventuell (?) sogar Zeit hatten, persönlich zu recherchieren, Entwicklungen zu beobachten und Urteile zu durchdenken. Ich bin mir sicher, dass auch Tiere gut leben sollen und müssen. Ich weiß, dass ich lieber selbst denke als zu glauben, was einige Zeit des äußerlichen „Nichtstuns“ erfordert. Und ich vermute, dass ich vieles mehr genieße, wenn ich es in Ruhe tue. Oder sogar selbst herstelle, um die Dinge wieder mehr schätzen zu lernen!

Diese Überlegungen haben natürlich viel zu tun mit Konzepten wie Leistung, Wachstum, Wertschöpfung und Respekt vor Lebewesen, mit der Definition von Wohlstand und ja, somit auch mit den Funktionsweisen und der Nachhaltigkeit des derzeitigen Kapitalismus (mittlerweile darf es ja wieder öffentlich angesprochen werden).

 

Das Gegenkonzept heißt Müßiggang

Das alles ist natürlich nicht wirklich neu. Einer, der den Müßiggang verständlich machen kann wie kein anderer, ist Tom Hodgkinson in seinen sprichwörtlich genüsslichen Büchern „Anleitung zum Müßiggang“ („How to be idle“), „Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben“ („How to be free“) oder „Leitfaden für faule Eltern“ („The idle parent“).

Erich Fromm hat schon Mitte des 20. Jahrhunderts die Tendenzen der Zeit erkannt und zwischen dem Besitzen und dem genussvollen Leben unterschieden. Seine Bücher „Vom Haben zum Sein“ und „Authentisch leben“ sind auch heute noch überzeugend und teils mitreißend.

Bertrand Russells philosophische „Eroberung des Glücks“ („The conquest of happiness“) liest sich wie ein kluger und gut durchdachter Ratgeber zu einem guten und zufriedenen Leben – allerdings ohne das Versprechen vom herumliegenden Glück auf der Straße.

 

Das letzte Wort zum Müßiggang soll aber Erwin Heller vom Verein zur Verzögerung der Zeit haben:

Es gibt immer wieder die Aufforderung, sich mehr Muße zu gönnen. Doch das geht nicht auf Knopfdruck. Dazu brauche ich die innere Bereitschaft, mir etwas zu geben, was nicht warenförmig ausgeprägt ist. Dann ist Muße: in der Sonne hocken, auf dem Wasser treiben, in der Wiese liegen, im Wald vor sich hin trotten. […] Man muss es üben. Wenn ich am Meer bin, und über Nacht war ein Sturm. Da treibt in den ersten Metern ein Gürtel aus Tang, Holz, Blättern, Styropor, Plastiktüten. Ich sehe, wie wunderbar das Wasser da draußen ist, aber ich muss erst mal durch den Müll durch. Das ist der Weg zur Muße. Die Muße ist das Meer, das einen trägt, wo man ganz bei sich selber ist. Aber bevor ich dahin komme, muss ich durch die Spuren meiner Stürme durch.“ (Quelle: Interview mit der ZEIT, 29.03.12 Nr. 14)

 

Kleine Schätze am Wegesrand - zu schön zum Vorbeihetzen

 

Hier nochmal die Büchertipps im Überblick:

Anleitung zum Müßiggang (Tom Hodgkinson)

  • ISBN-10:3-453-63002-5
  • Verlag: Heyne
  • Preis: ca. 9,- Euro

Die Kunst, frei zu sein. Handbuch für ein schönes Leben (Tom Hodgkinson)

  • ISBN-10:3-453-63004-1
  • Verlag: Heyne Taschenbuch.
  • Preis: ca. 9,- Euro.

Leitfaden für faule Eltern (Tom Hodgkinson)

  • ISBN-10:3-499-62672-1
  • Verlag: Rowohlt Taschenbuch
  • Preis: ca. 10,- Euro

Vom Haben zum Sein (Erich Fromm)

  • ISBN-10:3-548-36775-5
  • Verlag: Ullstein Taschenbuchverlag
  • Preis: ca. 9,- Euro

Authentisch leben (Erich Fromm)

  • ISBN-10:3-451-05691-7
  • Verlag: Herder
  • Preis: ca. 9,- Euro

Eroberung des Glücks (Bertrand Russell)

  • ISBN-10:3-86936-337-1
  • Verlag: Gabal
  • Preis: ca. 13,- Euro

 

 

 

 

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